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Interview: Künstler Kollektion I – Über die alte Kunst des Marmorierens

Barbara Kelnhofer heißt die Papierkünstlerin hinter dem neuesten PAPYDO Künstler-Design. Exklusiv für PAPYDO hat sie ein Papier im Stil italienischer Marmorpapiere gestaltet. Im Zuge dessen haben wir uns auch ein bisschen über den Hintergrund des Designs unterhalten. Viel Freude beim Lesen!

Wie bist du zum Marmorieren gekommen?

Richtig aufmerksam wurde ich auf Buntpapiere, insbesondere Marmorpapiere, in meiner Zeit bei der
Buchhandlung Foyles in London in den frühen 80er Jahren. Dort begegnete ich immer wieder schön
gestalteten Vorsatzpapieren in antiquarischen Büchern.
Während meiner anschließenden Ausbildungszeit zur Buchhändlerin in Freiburg belegte ich abends
Buchbindekurse. Mir fiel auf, dass es nur noch industriell gefertigte Buntpapiere in den Papier – und
Künstlerbedarfsläden gab – aber keine handgefertigten Papiere.
Aus dem Nachlass meines Großvaters und seines Bruders, einem Buchbinder, bekam ich Literatur zum
Buchbinderhandwerk, in der ich auch Anleitungen und Rezepte für handgefertigte Marmorpapiere fand.
Aus dieser Literatur habe ich mir die Informationen für Materialien und Techniken erarbeitet und
begonnen mit unterschiedlichen Farben und Papieren zu marmorieren, kleine Notizbücher und Leporelli
zu binden und Schachteln zu beziehen, um diese auf Kunsthandwerkermärkten zu verkaufen. Seitdem
begleitet mich dieses faszinierende Kunsthandwerk.
Es dauerte jedoch und benötigte vieles Experimentieren, Üben, um ein grundlegendes Verständnis für
Farben und das Zusammenspiel der Materialien zu erwerben.
Ein weiterer wichtiger Schritt in meinem Werdegang zur Marmorierkünstlerin war die Teilnahme an einem
Kurs bei Hikmet Barutçugil, 2014 in Florenz, einem der wichtigsten Ebru-Künstler der Gegenwart in der
Türkei. Dort ist der Name ‘Ebru’ für die Kunst des Marmorierens üblich.

Was fasziniert dich daran?

Marmorpapier wird seit Jahrhunderten beim Buchbinden als Vorsatzpapier eingesetzt, um Bucheinband
und Buch miteinander zu verbinden. Es gleicht einem Schnitt durch Marmor. Es gibt ganz
unterschiedliche Marmoriertechniken und genau das gefällt mir, damit hat die Technik etwas
Geheimnisvolles, trägt zur Faszination bei. Mit der Zeit entwickelte ich meine handwerklichen Fertigkeiten
und meinen individuellen Stil. Während einer dreijährigen Feldforschung im südl. Afrika für meine
Magisterarbeit in Ethnologie vertiefte sich meine Faszination für Farben und Muster. Wenn ich einmal
über die Hürden der Technik hinweg und im Fluss bin, hat das Marmorieren etwas sehr Entspannendes.

Welche Farben nutzt Du?

Zuerst stelle ich den Marmoriergrund aus einer Meeresalge (Carragheenmoos) her, die ich in Wasser
aufkoche. Nach dem Abseihen entsteht eine weiche, viskose Masse, die genau die richtige Konsistenz –
nicht zu dick und nicht zu dünnflüssig – haben muss, damit sie die Farben trägt. Ich arbeite sehr gerne
mit Ölfarben, weil sie lange geschmeidig bleiben, sie haben aber den Nachteil, dass man Terpentinöl
braucht – das nicht besonders gesund ist. In Kursen und bei Vorführungen arbeite ich daher mit
Acrylfarben. Privat experimentiere ich mit selbsthergestellten Farben aus Erdpigmenten, Gummiarabicum
und Ochsengalle.
Für das Geschenkpapier-Design ‘Bouquet’ für PÁPYDO habe ich die umweltfreundlichen
Marmorierfarben der Firma Schmedt, Hamburg, verwendet, die auf dem europäischen Markt unter dem
Namen ‘AscoColor eco’ verkauft werden. Ich bin ein großer Fan dieser Farben und habe in diesem
Kontext auch für den Einstieg in das Marmorieren ein Tutorial geschrieben.

Wie lange brauchst du für ein „Kunstwerk“?

Es dauert etwa einen Tag, um die Werkstatt, Farben, Marmorier-Sud, Papier zu richten.
Für einen Druck verwende ich drei bis vier Farben, die ich mit Ochsengalle versetze. Die Ochsengalle
sorgt dafür, dass sich die Farben nicht vermischen. Die Farben bringe ich mit Spritzen, Tupfen oder
Sprühen auf und fahre mit Kämmen unterschiedlicher Größe, Nadeln und Ahlen durch die Farbschicht.
Dann lege ich ein saugfähiges Papier auf. Wenn ich das Papier abnehme, ist die Farbe komplett aufs
Papier übergegangen. Nach dem Trocknen des Papiers wird es geglättet und die Oberfläche nach Bedarf
gewachst. Wenn alles perfekt harmoniert hat, ist jedes so hergestellte Papier einzigartig, ein Unikat, das
es kein zweites Mal gibt. Es kann sein, dass ich vier und mehr Papiere mache, die direkt in die
Papiertonne wandern. Alles in allem kann es also gut einen halben Tag dauern, bevor ich mit dem
Ergebnis zufrieden bin und sich das Papier für die Weiterverarbeitung eignet.

Kannst du etwas zu der Herkunft von Marmorpapieren sagen?

Marmorieren ist eine der ältesten Veredelungstechniken für Papier und hat seinen Ursprung in Ost-Asien.
Vermutlich ist das Handwerk des Marmorierens ebenso wie das der Papierherstellung über verschiedene
Handelswege nach Kleinasien, den Iran und die Türkei und schließlich nach Mitteleuropa gekommen.
Erste Nachweise sind aus dem 13. Jahrhundert bekannt. Im Orient hat das Marmorieren von Papieren
eine lange Tradition: persische Künstler haben die Technik in das Dekkan-Gebiet in Indien gebracht, von
wo aus es weiterverbreitet wurde. Ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stand die Technik in der
heutigen Türkei in hoher Blüte. Ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts brachten Istanbul-Reisende
Marmorpapiere in ihren Reisetage- und Freundschaftsbüchern nach Europa, wo sie als „Türkische
Papiere“ bekannt wurden. In Europa lösten diese Papiere wegen ihrer neuartigen filigranen Formsprache
Verwunderung und Faszination aus und galten aufgrund ihrer orientalischen Herkunft und
geheimnisumwobenen Herstellungstechnik als kostbar.
Seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die Marmoriertechnik von Papiermachern und Buchbindern
in Süddeutschland (Augsburg, Ulm) und Frankreich aufgegriffen und weiterentwickelt. Frühe Beispiele für
die Anwendung des Marmorpapiers ist die Innenverkleidung einer Ebenholzkassette für Spiele aus
Augsburg um 1635 und die Verzierung der ersten Fernrohre, die der Optiker Johann Wiesel um 1650 in
Augsburg anfertigte.

Was ist der Hintergrund des Bouquet Musters?

Das ‘Bouquet’ Muster (aus d. Franz.: Blumenstrauß) wurde erstmals gegen Ende des 19ten Jhdt.
produziert. Das charakteristische Muster entsteht durch die Verwendung eines Kamms mit einer
Doppelreihe von Zähnen, der mit einer wellenartigen Bewegung durch das Farbbad gezogen wird. Viele
verbinden das Muster mit Italien, wo es in den Papierhandlungen bspw. in Florenz oder Venedig zu den
beliebtesten Buntpapieren gehört.
Was assoziierst Du mit dem für PAPYDO kreierten Kunstwerk?
Unter anderem die Wellen am Atlantikstrand, die Ockerfarben des Luberon und das Türkis der
venezianischen Lagune. Blau und Türkis in allen Schattierungen sind meine Lieblingsfarben. Ich
kombiniere sie gerne mit den Orangetönen der Erdpigmente Ocker und gebranntes Siena-Gelb.

Wo holst Du Dir Inspiration für Deine Designs?

Oft finde ich Anregungen in Museen, bspw. den kunsthandwerklichen Museen unserer Region, dem südl.
Oberrhein, wie dem Tapetenmuseum in Rixheim oder dem Stoffmuseum in Mulhouse, der einschlägigen
Fachliteratur zur Geschichte der Farben, der Papierherstellung und in Büchern über historische
Buntpapiere. Als Kulturwissenschaftlerin forsche ich auch in Archiven zur Frage, wann und wie genau das
Marmorpapier nach Deutschland gekommen ist, eine Frage, die noch nicht abschließend geklärt ist.
Mindestens ebenso wichtig ist aber der regelmäßige Austausch mit befreundeten
Buntpapiermacher*innen in einem stetig wachsenden Netzwerk in aller Welt, verbunden mit persönlichen
Treffen bei Messen und Konferenzen.
Seit 2016 biete ich regelmäßig Kurse an. Informationen dazu finden Interessierte auf meiner Internetseite
unter: www.marbled-paper-arts.com.
Dort kann man sich für einen Newsletter registrieren und erhält dann Informationen zu Kursen, Märkten,
Ausstellungen.

Vielen Dank für das Interview, liebe Barbara!

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